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beiträge zur geschichte der oberlausitz - eine bildungsinitiative

Seit Jahrhunderten flüchten Menschen aus ihrer Heimat. Sie verlieren dabei Hab und Gut und oft die Möglichkeit der Existenzsicherung. Sie fliehen vor und im Krieg, der Bedrohung ihres Glaubens und ihres Lebens. Viele große Flüchtlingsströme in der Geschichte, wie z.B. die der Hugenotten aus Frankreich und ihr Wirken in den deutschen Landen sind bekannt. Weniger aber ist im Gedächtnis heutiger Generationen verankert, dass unsere Oberlausitz jahrhundertelang Zufluchtsort für Flüchtlinge war, was mit Blick auf die Ukraine gerade wieder aktuell ist. Deshalb will dieser kleine Beitrag im Rahmen der Bildungsinitiative des Lusatia-Verbandes e.V. mit einem Blick zurück in die Geschichte das Thema publik machen.

Die Oberlausitz – jahrhundertelang Zufluchtsort für Flüchtlinge                                            

 

PD Dr. phil. habil. Volker Dudeck  |  Zittau                          Dr. rer. pol. Hartmut Jentsch  |  Seifhennersdorf

Von 1421 bis 1436, also in der Zeit der Hussitenkriege, waren Leben, Hab und Gut der Katholiken nicht nur in den Gebieten bedroht, die von den Kriegszügen der Hussiten betroffen waren, und das waren in der Oberlausitz sehr viele. Bedroht waren auch nicht wenige Böhmen, die nicht mit der Papstkirche brechen wollten. Dazu gehörten zum Beispiel die Prager Domherren, die den Übertritt ihres Erzbischofs Konrad von Vechta zu den Hussiten nicht mittrugen und im Zittauer Franziskanerkloster Asyl fanden. In einer Nach- und Nebelaktion brachten sie den Prager Domschatz sowie wertvolle Teile der Bibliothek auf dem Oybin in Sicherheit. Beide Orte hielten dem Ansturm der Hussiten stand. Johann von Bucca, Bischof von Olmütz, wurde vom Papst zum Verweser des Erzbistums Prag bestimmt und richtete mit den geflohenen Domherren das Konsistorium der Erzdiözese Prag in Zittau ein. Seine Residenz nahm er dort, wo heute die Städtischen Museen ihr Domizil haben.

Obwohl Kaiser Rudolf II. 1609 den Böhmen Religionsfreiheit verbrieft hatte, gingen seine Nachfolger Matthias und Ferdinand II. schon bald daran, das mehrheitlich protestantische Land zu rekatholisieren. Das führte bekanntlich zum Böhmischen Aufstand, der mit dem Prager Fenstersturz 1618 den Dreißigjährigen Krieg auslöste. Nach der Niederlage der Aufständischen in der Schlacht am Weißen Berg 1620 und besonders nach dem Ende des Krieges 1648 wurde das Land mit Gewalt rekatholisiert. Das führt zu einem großen Flüchtlingsstrom in das protestantische Sachsen und in die Oberlausitz. Für die Betroffenen wurde der Begriff „Böhmische Exulanten“ geprägt. Möglich war das Exil, weil es bei der Konfessionalisierung im Markgraftum Oberlausitz einen Sonderweg gab. Das Prinzip „Cuius regio eius religio“ (Wem das Land gehört, der bestimmt die Konfession) ging hier von den Grundherrschaften aus, so dass katholische und evangelische Gebiete friedlich nebeneinander existierten.

In einigen Gebieten der habsburgischen Länder setzte sich die Gegenreformation nur schwer durch oder führte dazu, dass Protestanten in den Untergrund gingen. Das traf auch auf das in Nordostmähren am Oberlauf der Oder gelegene „Kuhländchen“ zu, wo sich noch Gemeinden der auf die hussitische Bewegung zurückgehenden Alten Brüder-Unität erhalten hatten. In dem Städtchen Fulnek wirkte zum Beispiel Johann Amos Comenius von 1618 bis 1621 als Vorstand der Brüdergemeine. Als der Druck der Obrigkeit stärker wurde, entschlossen sich viele zur Flucht. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, Grundherr von Berthelsdorf, sicherte ihnen Asyl zu. So entstand auf seiner Flur 1722 „unter der Hut des Herrn“ eine neue Siedlung, nämlich Herrnhut. Missionare der Brüderunität trugen später das Evangelium von der Oberlausitz hinaus in die Welt. Unter dem Namen „Moravian Church“ ist sie in 30 Ländern vertreten. Zu den Exulanten aus Mähren gesellten sich auch Flüchtlinge aus Schlesien. Sie wurden „Schwenckfelder“ genannt, weil sie Anhänger des Kaspar Schwenckfeld und seiner eigenständigen radikal reformatorischen Glaubensrichtung waren. Und diese wurde von den Herrschenden anderswo nicht geduldet. Etwa 500 von ihnen fanden Aufnahme in Herrnhut. Ein Teil davon zog später weiter nach Amerika.

Der Dom St. Petri zu Bautzen

Der Dom St. Petri zu Bautzen

Nach 1945 kamen nicht nur aus dem Sudetenland, sondern auch aus der preußischen Oberlausitz ostwärts der Neiße und aus Schlesien viele Flüchtlinge. Sie waren die Opfer eines verbrecherischen Krieges von Nazideutschland. Viele von ihnen zogen bei uns durch und viele blieben auch hier. Allein in der heutigen Kleinstadt Seifhennersdorf gab es ungeachtet der Kriegsverluste gegenüber 1939 einen Bevölkerungszuwachs um etwa 24 Prozent. Die aus ihrer Heimat Vertriebenen wurden in der DDR fälschlicherweise Umsiedler genannt. Sie waren nicht bei allen beliebt und wurden doch mit großem Aufwand untergebracht und versorgt.

Nach dem Ende des Bürgerkrieges in Griechenland 1949 fanden auch griechische Flüchtlingsfamilien in der Oberlausitz eine neue Heimat.

 

Auch nach 2015 in Folge der Kriege im Nahen Osten und in Afghanistan trafen in der Oberlausitz viele Kriegsflüchtige ein. Sie sind oft Gegenstand der Auseinandersetzung mit Rechtsradikalen. Unstrittig ist, dass sich nicht alle, aber die Mehrheit von ihnen, an unser Recht und Gesetz halten. Und wer das nicht tut, muss auch die Konsequenzen tragen. Den anderen, der Mehrheit, gilt unsere Solidarität.

 

Und heute? Nach einer von allen Seiten mit unterschiedlicher Gewichtung hervorgebrachten hoch explosiven Lage hat Russland unter Putin die Ukraine angegriffen und eine seit den Jahren nach dem 2. Weltkrieg nie dagewesene Fluchtbewegung ausgelöst. In unsere Oberlausitz kommen leidgeprüfte Menschen aus der Ukraine und es werden immer mehr werden. Sie verdienen unser Mitgefühl und unsere Solidarität, damit, wie seit Jahrhunderten für viele Flüchtlinge, die Oberlausitz auch für sie ein sicherer Zufluchtsort wird.

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Auf dem Gottesacker in Herrnhut

In Bautzen, der Hauptstadt der Oberlausitz, teilten sich beide Konfessionen sogar eine Kirche – den Petridom, und die katholischen Klöster St. Marienthal und St. Marienstern existieren noch heute. Zittau nahm damals mit rund 6.000 Einwohnern 1.000 böhmische Glaubensflüchtlinge auf. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sie im ehemaligen Franziskanerkloster (Heffterbau) ihre eigene Kirche, wo in tschechischer Sprache gepredigt wurde. Sowohl dem Wirtschafts- als auch dem Geistesleben der Stadt haben diese Menschen bedeutende Impulse verliehen. Dafür stehen Namen wie der Pädagoge Christian Weise oder die Historiker Christian Adolph Pescheck und Carl Gottlob Moráwek. Orte wie Walddorf, Neugersdorf oder Neusalza sind Gründungen böhmischer Exulanten. Aber nicht nur Protestanten aus Böhmen, die ihrem Glauben treu bleiben wollten, fanden in der Oberlausitz Exil, sondern auch Sachsen, vor allem Priester, die katholisch bleiben wollten.

Auf dem Gottesacker in Herrnhut