Der Tafelstein als Dreiländereck - Eine geschichtliche Betrachtung
Hans Klecker | Zittau
Einige Tage später schon meldeten sich bei mir die ersten Wanderfreunde, die diesen Stein nicht finden konnten. In alten deutschen Landkarten als "Tafelstein" ausgezeichnet, auf tschechischen Karten als "Tabulový kámen" und auf neuen polnischen als "Płyta" blieb er aber für alle Wanderer unauffindbar. Als man mich im Sommer 2007 wiederholt nach dem Standort des Tafelsteins fragte, beschloss ich, ihn selber zu suchen. Vom Heufuder (Stóg Izerski) wanderte ich in westlicher Richtung mit Blick auf den neuen Turm der Tafelfichte und schwenkte an der tschechisch-polnischen Grenze den grün markierten Wanderweg in Richtung Bad Schwarzbach (Czerniawa Zdrój) nach rechts ab. Schon nach ca. 300 Metern fand ich direkt auf der Grenze zwei große Steine, die ich als Bruchstücke des granitenen Sockels des einstigen Tafelsteins deutete. Mittlerweile liegen mir verlässliche Informationen von Neustädter Heimatforschern vor, wonach der Tafelstein wenige Meter bergab am heutigen Grenzstein 64/4 gestanden hat. Hier beginnt auch das Quellgebiet des Grenzwassers (Graniczna), dem südlichsten Grenzbach zwischen der Oberlausitz und Schlesien. Der Wanderer merkt dieses Feuchtgebiet bei schlechtem Schuhwerk auch bald an den Füßen. Mit einer Höhe von 1072 Metern ist diese Stelle der höchste Punkt der Oberlausitz. Die Höhenabweichung im Vergleich von deutschen zu österreichischen Landkarten ergibt sich durch die Meeresspiegelhöhendifferenz zwischen Nordsee und Mittelmeer.
Zuhause angekommen bat ich in einem Schreiben eine polnische und eine tschechische Kommune, am Standort des ehemaligen Tafelsteins ein dreisprachiges Hinweisschild anzu-
bringen und auf das historische und auch heute nicht unbedeutende Dreiländereck hinzuweisen. Erfreulicherweise erhielt ich bald Post von Herrn Ing. Pavel Smutný, dem Bürger-
meister von Neustadt an der Tafelfichte (Nové Město pod Smrkem) und vom Heimatfreund Karel Nádeník. Ihnen und weiteren engagierten Bürgern aus Neustadt ist es zu verdanken, dass im Jahre 2008 ein neuer Tafelstein auf tschechischem Gebiet, ca. vier Meter neben dem einstigen, errichtet werden wird.
Die Tafelfichte besteht aus zwei Gipfeln. Der im Jahre 2003 neu erbaute Aussichtsturm steht auf der westlichen, zur Tschechischen Republik gehörenden 1124 Meter hohen Kuppe. Über den zweiten, 1123 Meter hohen östlichen Gipfel führt heute die tschechisch-polnische Staatsgrenze, die der bis 1918 österreichisch-preußischen bzw. österreichisch-deutschen entspricht. Aufgrund des hohen Waldes und der ungenauen Messmethode konnte vor 150 Jahren keine genaue Lokalisierung der höchsten Erhebung des Doppelberges vorgenommen werden. Die Tafelfichte wird auf den ältesten Karten aus dem 16. Jahrhundert als Heidelberg bezeichnet. Man nannte sie im Volksmund auch Dreiherrenspitze, weil hier die Besitzungen der Grafen Gallas in Friedland/Böhmen, vorher Waldstein (Wallenstein), der Grafen von Gersdorf auf Meffersdorf/Oberlausitz und der Grafen Schaffgotsch in Schreiberhau/Schlesien aufeinander stießen.
Der kaiserliche Feldherr des Dreißigjährigen Krieges und Herzog von Friedland, Albrecht von Waldstein (Wallenstein), ließ seine Verwalter das bis dahin nicht exakt festgelegte Eck der drei Grundherrschaften an die Stelle legen, auf die der spätere Tafelstein errichtet worden ist. Bis 1790 stand an diesem Ort eine auffallend große Fichte, von wo aus man noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts über das Strauchwerk des Berghanges eine herrliche Aussicht genießen konnte. An dieser hohen Fichte ließ Wallenstein eine Tafel mit seinem Wappen und der Jahreszahl 1628 anbringen. Große Bäume dienten damals der Markierung von Grenzen. Ohne diese Tafel wäre sicherlich auch jener Baum der bedeutenden Metall- und Glasindustrie im Isergebirge zum Opfer gefallen. Nach der Ermordung von Wallenstein ließ dann im Jahre 1638 Matthias Graf von Gallas, der neue Besitzer des Landes Friedland, seine Initialen MGG eingravieren.
Da Grund und Boden der Herrschaften die Ländergrenzen bestimmte, erhob sich der Standort der Fichte zum Dreiländereck des Königreichs Böhmen, des Markgraftums Oberlausitz und des Herzogtums Schlesien. Allerdings hatte dieses Dreiländereck geringe politische Bedeutung, weil die Oberlausitz bis 1635, wie auch Schlesien bis 1742, zur Böhmischen Krone gehörten, die sich im Besitz der Dynastie der Habsburger befand. Die Situation änderte sich schon mit dem Ersten Schlesischen Kriege, in dem die Truppen des Preußenkönigs Friedrich II. die Österreicher besiegten. Im Vorfrieden von Breslau wurden große Teile Schlesiens und auch der dazugehörende Nordosten des Isergebirges von Österreich zu Preußen geschlagen. Ab 1742 gab es also ein politisches Dreiländereck, da Böhmen weiterhin zu Österreich, die Oberlausitz weiterhin zum Kurfürstentum Sachsen, Schlesien nunmehr aber zum Königreich Preußen gehörte. Dieses durch die Grenzen dreier Staaten gebildete Dreiländereck bestand allerdings nur bis 1815.
Als Folge der Niederlage Napoleons entriss der preußische König auf dem Wiener Kongress 1815 dem König von Sachsen die nördliche und östliche Oberlausitz und ließ sich als Markgraf der Oberlausitz huldigen. Verwaltungsmäßig wurde der Ostteil der Oberlausitz dem Regierungsbezirk Liegnitz der preußischen Provinz Schlesien zugeordnet. Das nordwestliche Isergebirge mit Zentrum Meffersdorf (heute Pobiednej) gehörte zum Kreis Lauban (heute Lubań). Die politische Grenze zwischen der Oberlausitz und Schlesien, durch das Grenzwasser (Graniczna), den Schwarzbach (Czarny Potok) und den Queis (Kwisa) gebildet, verschwand.
Im Jahre 1790 brach die mächtige Fichte während eines Gewitters um. Auf ihrem Standort wurde eine Steinsäule aus Sandstein mit Tafeln errichtet, die auf die Besitzverhältnisse hinwiesen. Diese Grenzmarkierung wurde im Volksmund als Tafelstein bezeichnet. Der Name Tafelfichte dürfte schon einige Jahrzehnte vorher auf den gesamten Berg übertragen worden sein und den alten Namen Heidelberg verdrängt haben. Eine freistehende große Fichte auf einem abgeholzten Berge ist ja auch etwas Auffallendes. Im Jahre 1874 entfachten junge Leute in unmittelbarer Nähe des Tafelsteins ein Feuer, das durch die starke Hitzeentwicklung den Stein in Stücke bersten ließ. Der neu errichtete Tafelstein nannte sich Grenzstein 111 und war bedeutend kleiner als der zersprungene. Das mag damit zu tun haben, dass das staatliche Dreiländereck seit 1815 nicht mehr bestand und so das Errichten eines gleichartigen Grenzsteines nicht mehr zwingend notwendig war.
Im Jahre 1890 feierte die Ortsgruppe Schwarzbach-Meffersdorf des Riesengebirgsvereins ihr zehnjähriges Bestehen am Tafelstein. Wie lange er noch gestanden hat, verliert sich im Reich der Spekulationen, auch wenn er in der Reise- und Heimatliteratur des 20. Jahrhunderts noch mehrmals genannt wird. Mit der Einweihung des hölzernen Aussichtsturmes auf dem Berggipfel 1892 verlor der Tafelstein auch seine touristische Bedeutung als bester Aussichtspunkt der Tafelfichte. Selbst die ältesten Bewohner der umliegenden Orte können sich an einen solchen Stein nicht mehr erinnern.
Der Tafelstein hat für die Oberlausitz nicht nur als Grenzstein, sondern auch als Erinnerungsstätte an Adolf Traugott von Gersdorf große Bedeutung. Er gehörte einem großen, alten Adelsgeschlecht der Oberlausitz an. Geboren wurde von Gersdorf 1744 in Nieder-Rengersdorf und besaß auch die Güter Meffersdorf (Uniecice) und Schwerta. (Świecie), die sich bis an den Tafelstein ausdehnten. Man rechnet ihn zu den beachtenswertesten Vertretern der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Er betätigte sich als Meteorologe, Mineraloge, Geologe, Klimatologe und Physiker mit Schwerpunkt Elektrizität. Achtzigmal bestieg er in seinem Leben die Tafelfichte und beschrieb vom Standpunkt Tafelstein die Fernsicht nach Schlesien, Böhmen und in die Oberlausitz. 1779 gründete er mit Karl Gottlob Anton die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften. Adolf Traugott von Gersdorf verstarb am 16. Juni 1807 und wurde inmitten seiner Arbeiter und Bauern auf dem Friedhof in Meffersdorf beigesetzt. Heute ist sein umfangreicher literarischer Nachlass in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz aufbewahrt.
Mit dem Wegfall der politischen Bedeutung blieb der Tafelstein aber als geschichtliches regionales, ethnisch und sprachliches Dreiländereck bis 1945 erhalten. Das änderte sich auch nicht mit der Aussiedlung der Deutschen. Die Bürger der Tschechischen Republik, der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland brauchen im vereinten Europa keine neuen Grenzen und Grenzsteine mehr. So wie die Staatlichkeit in Europa abnimmt, erhöht sich die Bedeutung der Regionen. Als Heimatfreunde wollen wir solche geschichtsträchtigen Dreiländerecke, wie den Tafelstein, wieder in das Bewusstsein der Menschen holen. Einen heimatliebenden Oberlausitzer erfüllt es mit Stolz, einmal auf dem höchsten Punkt der Oberlausitz gestanden zu haben.
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