450 Jahre Kleines Zittauer Fastentuch - Eine Kostbarkeit von europäischem Rang
PD Dr. phil. habil. Volker Dudeck | Zittau
Zum einen ist ein Symbol dafür, dass die Reformation im Markgraftum Oberlausitz ganz anders verlief als anderswo: friedlich und tolerant. Hier gab es keinen Bildersturm, Nonnen und Mönche wurden nicht vertrieben und in Bautzen teilten sich beide Konfessionen sogar ein Gotteshaus. In diese Reihe des toleranten Umgangs mit den alten Riten gehören auch die beiden Fastentücher. Obwohl Martin Luther sie als päpstisches Gaukelwerk bezeichnet hatte und abgeschafft wissen wollte, ließen sich die Zittauer ihr 1472 entstandenes großes Tuch nicht nehmen und benutzten es in nachreformatorischer Zeit noch weitere 155 Jahre. Mehr noch: Sie ließen sich 1573 – da war Luthers Lehre in den Oberlausitzer Städten längst etabliert – noch ein zweites Fastentuch anfertigen, das als „Kleines Zittauer Fastentuch“ in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Es ist das einzige, das von einer evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde in Auftrag gegeben und liturgisch genutzt wurde.
Zum anderen gehört es zu dem seltenen Typ der Arma-Christi-Tücher (ARMA CHRISTI bedeutet Leidenswerkzeuge) von dem nach bisherigem Kenntnisstand europaweit nur elf erhalten geblieben sind: vier in der Schweiz, drei in Polen, zwei in Deutschland sowie je eines in Österreich und Italien. Nur im Vergleich mit dem monumentalen 56 m² großen Fastentuch ist es mit rund 15 m² „klein“ zu nennen. In seinem kunstgeschichtlichen Rang steht es ihm jedoch keineswegs nach.
Monumental ist die Kreuzigung Christi dargestellt. Der Blick wird auf das links stehende Kreuz in T-Form gelenkt, an dessen Fuß Maria von Magdala (Magdalena) kniet und den
Kreuzesstamm umfasst. In der Bildmitte steht Johannes, der wehklagend beide Arme emporhält. Neben ihm breitet die Mutter Maria ihre Arme aus, wobei sie dem Betrachter den
Rücken zukehrt. Mit ihrer Gestik verweisen die beiden Gestalten auf die Abschiedsworte Jesu, mit denen er seine Mutter dem Lieblingsjünger anvertraut. Dieser Vorgang kann als
Ausdruck besonderer Nächstenliebe gedeutet werden, wobei die drei Figuren stellvertretend für die ganze Menschheit stehen. Um den ans Kreuz geschlagenen Christus schwebt ein Engel. In seiner linken Hand hält er einen Becher, mit dem er das aus der Seitenwunde fließende Blut auffängt.
Den bedrohlich dunklen Himmel durchbricht die Lichtgestalt Gottes in einer Wolkenglorie. Von drei Engeln begleitet wendet er sich mit ausgebreiteten Armen Christus zu, um ihn im Himmel zu empfangen. Die Hände des Vaters und des Sohnes sind einander zugewandt und erinnern an die berühmte Bildkomposition Michelangelos, die „Erschaffung Adams“ in der Sixtinischen Kapelle zu Rom. Schädel und Beinknochen in der linken unteren Ecke symbolisieren den ersten Menschen, mit dem die Sünde in die Welt kam. Damit korrespondiert der aus einem abgestorbenen Baumstumpf sprießende frische Zweig rechts hinter dem Kreuz: Durch das Sterben und die Auferstehung Jesu sind Sünde und Tod
überwunden und das Leben neu gewonnen. Umrahmt wird das Geschehen von zahlreichen Symbolen der Passion (Arma Christi), wie Dornenkrone, Geißelsäule, Schweißtuch, Laterne, Judas Kopf und Geldbeutel, Hammer, Nägel, Kreuz, Leiter und anderes mehr. Das Tuch wurde von einem unbekannten Künstler geschaffen. Als Bildvorlage diente ihm eine Komposition des Lütticher Meisters Lambert Lombard (1505–1566).
Oben und unten sind zwei Schrifttafeln mit Versen aus dem Johannes-Evangelium eingeordnet, die den theologischen Grundgedanken der Bildkomposition unterstreichen:
IOAN: II / ECCE AGNVS DEI ECCE QUI TOLLIT PECCATA MVNDI.
(Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! – Joh 1, 29)
SIC DEVS DILEXIT MVNDVM, VT FILIVM SVVM VNIGENITVM / DARET VT OMNIS QUI
CREDIT IN EVUM NON PEREAT SED HA,,/ BEAT VITAM AETERNAM. IOAN: II.
(Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. – Joh 3, 16)
Von der Geschichte des Kleinen Zittauer Fastentuches wissen wir nur wenig. Es wurde gefertigt, um den 1566 von Meister Jakob Feltsch geschaffenen neuen Altar zu verhüllen. Einen Hinweis auf den Stifter, wie beim Großen Fastentuch, gibt es nicht. Nachdem es 1684 außer Dienst gestellt worden war, verwahrte man es in der Ratsbibliothek. Später ging es in den Bestand des Museums über. Parallel zur Restaurierung des großen wurde das stark verschmutzte kleine Fastentuch in den Textilrestaurierungswerkstätten der Abegg-Stiftung gereinigt. Seit 2005 ist es im Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster auf Dauer
ausgestellt und zählte bereits viele Tausende Besucher aus aller Welt.
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